Rundfunkinterview mit Christian Bertram

RADIO BERLIN-BRANDENBURG, 25.10.2009 - "KULTUR AM VORMITTAG"

Lydia Lange - rbb
Der Autor und Künstler Pierre Klossowski steht an diesem Wochenende im Mittelpunkt in der Max-Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg. Ab dem frühen Nachmittag findet dort jeweils ein "Pierre-Klossowski-Special" statt, mit Filmen, mit Diskussionen, der erstmaligen Lesung eines Theaterstückes von ihm und schließlich der Inszenierung der visionären Schrift von ihm "La Monnaie vivante" - "Lebendes Geld". Der Regisseur des daraus entstandenen Theaterstücks ist Christian Bertram und ihn begrüße ich jetzt hier bei mir im Studio. Hallo, schön dass Sie kommen konnten.
Ein ganzes Wochenende Pierre Klossowski ! Er stand in enger Verbindung mit Rilke zum Beispiel, mit André Gide, Giacometti - die kennt man. Sein eigener Name dagegen ist wahrscheinlich nicht jeder Hörerin, jedem Hörer ein Begriff. Wer ist das bzw. wer war das ?

Christian Bertram
Pierre Klossowski gehörte mit Sicherheit zu den schillerndsten Persönlichkeiten in der Kunstwelt und auch in der Welt der Philosophie, speziell der französischen Philosophie. Es gibt schon seit geraumer Zeit Ausstellungen internationaler Art in Wien, in Paris, in London und zuletzt auch in Köln. Klossowski wurde ja 1905 bereits geboren. Er ist so etwas wie eine Jahrhundertfigur, der das ganze letzte Jahrhundert begleitet hat an der Seite der Moderne. Er schrieb, er übersetzte, er entwickelte ein eigenes Universum von Bilderwelten, sehr theatralischen Bilderwelten, die wir jetzt hier erstmals auf die Bühne bringen wollen, also Ausschnitte daraus.

Lydia Lange - rbb
"Lebendes Geld" heißt das Theaterstück, dass heute Abend uraufgeführt wird. Ein Titel, der im Moment wirklich aktueller ist, als mancher ja vielleicht wahrhaben möchte. Das ist eine Schrift von Pierre Klossowski. Wie haben Sie das als Inszenierung umgesetzt ?

Christian Bertram
Die Schrift stammt ja bereits aus dem Jahr 1970, aber sie hat an Aktualität überhaupt nichts eingebüßt. Sie bildet die Grundlage zusammen mit weiteren Szenen aus seiner berühmten Roman-Trilogie "Die Gesetze der Gastfreundschaft" und "Das Bad der Diana". Wir haben eine Folge von 14 Szenen zusammengestellt, beginnend mit der "Straßenszene", die mehr oder weniger das alltägliche Leben des "Lebenden Geldes" darstellt, was wir ja alle irgendwie sind. Und dann geht es weiter über die Rollen von Männern, von Frauen, die Rolle der Produktion.
Ich möchte auch anmerken, dass das künstlerische Schaffen, das Theatermachen aufs Engste mit ökonomischen, finanziellen Fragen der Produktion verbunden ist. Und es gibt ein sehr schönes Zitat, was wir auch eingearbeitet haben über den Ursprung des Schaffens des Menschen überhaupt von Klossowski, nämlich wo es darum geht, dass wir Kunst machen, Theater machen, um unserer Existenz zurückzukaufen. Wir suchen eigentlich immer nach einem Gegengewicht zu dem Reichtum, der uns in der Welt dargeboten wird, die aber heute ausgeplündert wird und immer mehr der Zerstörung anheimfällt, nicht nur durch drohende Waffen, Atombomben usw.. Klossowski hat auf seine ganz eigene Art dieses Geschehen parodiert, auf sehr heitere Art geht er mit diesen ernsten Fragen um. Und da haben wir eben diese Szenen zusammengestellt, wo das thematisch ausgebreitet wird. Es gibt verschiedene Figuren, die darüber verhandeln. Und andererseits wird natürlich das in den Vordergrund gestellt, was Klossowski zeit seines Lebens in seinen Werken ausbreitete und in den Vordergrund stellte, nämlich die Welt der Erotik und des Trieblebens.

Lydia Lange - rbb
Heute Abend findet das zum ersten Mal statt. Um 20.00 Uhr, und zwar an einem Ort, den auch nicht jeder kennen dürfte, in der Max-Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg. Was ist das für ein Ort ?

Christian Bertram
Die Taut-Aula wurde ja in den letzten Jahren nach der Zerstörung im Krieg wieder aufgebaut mit umfangreichen Mitteln. Und wir bieten jetzt in diesem multifunktionalen Raum erstmals öffentlich eine Theaterveranstaltung. Es ist ein Raum, der bis zu 800 Personen fasst. Wir haben das etwas verkleinert, um eine bestimmte Intimität herzustellen. Es ist jedermann eingeladen, auch diesen Raum zu besichtigen, der am Nöldnerplatz in Lichtenberg liegt, der ein Denkmal der klassischen Moderne darstellt mit einer ungeheuer farbenreichen Ausprägung.

Lydia Lange - rbb
Das heißt, es lohnt sich nicht nur, das "Klossowski-Spezial" an diesem Wochenende zu besuchen, sondern auch den besonderen Ort, wo das stattfindet. Ich sag's noch einmal: es beginnt heute und morgen jeweils um 14.00 Uhr. Um 20.00 Uhr findet jeweils dann die Theatervorstellung von Christian Bertrams Klossowski-Inszenierung "Lebendes Geld" statt. ab 22.15 Uhr enden beide Tage dann noch mit einem Film. Alle Veranstaltungen sind eben in der Max-Taut-Aula. Die finden Sie am Nöldnerplatz, S-Bahnhof, das ist die richtige Station in Berlin-Lichtenberg. Besser mit der S-Bahn dort hinzukommen, weil überall Baustellen sind. Da haben Sie mit dem Auto wahrscheinlich keine Freude. Mehr dazu finden Sie auf unserer Homepage www.kulturradio.de. Mein Gast im Studio war der Regisseur Christian Bertram. Herzlichen Dank für das Gespräch.

Kultur_am_Vormittag_rbb_2008-10-25_Bertram_ger.mp3
Radiogespräch mit dem Regisseur Christian Bertram